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Digitale Souveränität ist eine Haltungsfrage

· 6 Minuten Lesezeit
Thomas Kugi
Ich gestalte IT-Plattformen, die stabil laufen, mit Ihrem Wachstum Schritt halten und Kosten optimieren.

Viele Unternehmen reden über Cloud, Kosten und Komfort. Doch das eigentliche Problem liegt nicht in der Technologie – sondern in der Haltung.
Die Cloud war nie das Problem. Unser Umgang mit ihr schon.

Wenn Sie heute nicht in wenigen Tagen erklären könnten, wie Ihr Produkt auf einer anderen Infrastruktur laufen würde, dann sind Sie nicht in der Cloud – sondern bereits in Abhängigkeit.

Die meisten Unternehmen merken das erst, wenn es zu spät ist: wenn Preise steigen, Verträge sich ändern oder regulatorische Anforderungen plötzlich nicht mehr erfüllbar sind.

Person vor einer Entscheidung zwischen Freiheit und Abhängigkeit

Was wir verloren haben: digitale Selbstverständlichkeit

Digitale Souveränität ist in aller Munde. Vor allem politisch rückt sie zunehmend in den Fokus. Dabei ist sie, technisch betrachtet, nichts Neues. Im Gegenteil: Sie war einmal selbstverständlich.

Das Aufkommen von Software-as-a-Service und Hyperscalern, also großen Cloudkonzernen, hat uns bequem gemacht. Unternehmen wie Privatpersonen gerieten in gefährliche Abhängigkeiten. Anbieter besitzen die Hoheit über Daten – und die Freiheit, Preise beliebig zu gestalten. Ein Umstieg ist für viele heute kaum noch machbar. Gerade junge Unternehmen können von Beginn an auf souveräne Anbieter setzen. Partner, die Wissen, Kontrolle und lokale Wertschöpfung verbinden. Wer früh auf offene Standards und europäische Infrastruktur setzt, behält später Wahlfreiheit – technisch und wirtschaftlich.

Und dennoch: Auch neue Projekte starten immer wieder genau dort – bei den Hyperscalern. Einfacher Einstieg, günstige Anfangskosten, großer Name.

Bequemlichkeit hat System.
Und Systeme formen Haltungen schneller, als Haltungen Systeme formen.

Bequemlichkeit und Autoritätsbias

Bequemlichkeit ist menschlich – und in der IT besonders gefährlich. Heute kann technisches Personal binnen Minuten ganze Systeme zusammenklicken, was früher Profis vorbehalten war. Diese Entwicklung hat die Einstiegshürde massiv gesenkt, aber den Blick für Risiken verändert. Wenn etwas schiefgeht, heißt es: „Wir haben uns für Anbieter X entschieden – der wird schließlich überall genutzt, mit allen erdenklichen Zertifizierungen.“

Dieser Reflex ist gefährlich. Psychologisch nennt man ihn Autoritätsbias: Wir vertrauen großen Marken mehr als unserer eigenen Einschätzung. In der IT hat das fatale Folgen – denn wer wirklich unabhängig sein will, muss bereit sein, Verantwortung zu tragen.

Jeder Zauber hat seinen Preis.
Der einfache Zugang zur Infrastruktur ist zugleich die größte Gefahr.

Wenn Probleme auftreten, verliert der Zauber seine Wirkung schlagartig.
Dann zeigt sich, dass Bequemlichkeit und Sicherheit selten miteinander vereinbar sind.

Genau darin liegt der Kern des Problems: Wir haben Verantwortung abgegeben, um Effizienz zu gewinnen.

Verantwortung abgeben – Kontrolle verlieren

Früher war IT-Betrieb selbstverständlich.
Fast jedes Unternehmen und einige Privathaushalte hatten eigene Server, auf denen man Daten teilte und Anwendungen betrieb. Damals bedeutete Digitalisierung noch Eigeninitiative – und ein gewisses Grundverständnis für Technik. Das war aufwändig, aber überschaubar. Man wusste, was man besaß, und konnte selbst eingreifen.

Mit wachsender Komplexität entstanden Rechenzentren. Unternehmen gaben Verantwortung ab – erst für Infrastruktur, später auch für Betrieb und Updates. Das war sinnvoll, solange Anbieter austauschbar blieben.

Doch mit dem Siegeszug der Hyperscaler änderte sich das Prinzip.
Aus mieten wurde binden - und aus Freiheit Bequemlichkeit.

Das zeigt sich etwa daran, dass viele öffentliche Institutionen trotz bestehender Open-Source-Alternativen noch immer auf US-Clouds setzen. Teils, weil es einfacher ist, teils aus Gewohnheit. Erst langsam beginnen Projekte wie Gaia-X diese Lücke zu schließen.

Denn wer Infrastruktur eines globalen Cloud-Konzerns nutzt, verwendet meist auch dessen proprietäre Produkte. Und damit beginnt die Abhängigkeit:

Ein Produkt wie „MegaSQL Server“ lässt sich nicht einfach migrieren. Es existiert nur im Ökosystem des jeweiligen Anbieters. So wird der technische Vorteil zum kulturellen Risiko.

Markt entsteht durch Nachfrage. Wer europäische Alternativen fordert, sie aber nicht nutzt, schwächt genau die Anbieter, die man fördern möchte.

Europäische Cloud-Anbieter halten derzeit rund 15 Prozent Marktanteil (Synergy Research Group (2025)). Die Gaia-X-Initiative hatte sich 2022 das Ziel gesetzt, bis 2030 auf 20 Prozent kommen (Gaia-X). Doch mehr europäische Hyperscaler alleine sind keine Antwort auf fehlende Haltung. Souveränität wächst nicht aus Rechenzentren, sondern aus Verantwortung.

Outsourcing ist nicht das Problem – Intransparenz ist es

Verantwortung abzugeben heißt nicht zwangsläufig, Kontrolle zu verlieren. Viele Unternehmen arbeiten sehr wohl mit externen Partnern. Entscheidend ist, ob diese Partner Abhängigkeiten abbauen oder neue schaffen.

Wer Infrastruktur betreibt, die auf offenen Standards basiert, dokumentiert ist, übertragbar bleibt und von mehreren Anbietern getragen werden kann, bleibt souverän, auch wenn der tägliche Betrieb ausgelagert ist.

Souveränität geht nicht verloren, wenn man Aufgaben delegiert. Sie geht verloren, wenn man nicht mehr versteht, was man delegiert – und an wen.

Die Konsequenzen

Heute betreiben viele Unternehmen Systeme auf Infrastrukturen, die selbst Teil dieser Systeme geworden sind – ein digitaler Teufelskreis.
Ein Wechsel ist teuer, riskant und organisatorisch kaum machbar.

Das Phänomen ist bekannt: Sunk Costs – also bereits getätigte Investitionen, die man nicht zurückbekommt. Sie erschweren rationale Entscheidungen. Neue Projekte entstehen auf denselben Plattformen, weil bestehende Systeme dort bereits laufen. Die Abhängigkeit wächst weiter.

Doch Alternativen entstehen: Immer mehr europäische Start-ups entwickeln souveräne Infrastrukturangebote – von Cloud-Diensten bis hin zu Open-Source-Plattformen. Und immer mehr Unternehmen und öffentliche Institutionen wagen es, diese Wege zu gehen.

Für Unternehmen bedeutet das konkret: Digitale Eigenständigkeit beginnt mit der Entscheidung, Know-how im Haus zu halten, Abhängigkeiten regelmäßig zu prüfen und Alternativen ernsthaft zu evaluieren.

Wissen und Selbstvertrauen

Was vielerorts verloren ging, ist das Verständnis - das Wissen darüber, wie IT-Infrastruktur funktioniert, und das Selbstvertrauen, sie zu gestalten.

Wie absurd diese Abhängigkeit manchmal ist, zeigt ein einfaches Beispiel: Fast niemand würde einen Handwerker aus den USA einfliegen lassen, um ein Sofa aufzubauen – nur, weil man dem aus Graz nicht traut. IT ist kein undurchdringliches System. Wer ihre Grundlagen versteht, trifft souveräne Entscheidungen – und verliert die Angst vor der eigenen Verantwortung.

Souveränität beginnt im Kopf, nicht im Code

Digitale Souveränität wird möglich, wenn Wissen, Wille und passende Anbieter zusammenkommen.
Sie beginnt mit Verstand - Technologie kommt erst danach.

Viele erfolgreiche Start-ups mit technisch versierten Gründer:innen betreiben heute Plattformen mit Millionen Nutzer:innen auf erstaunlich einfacher technischer Basis. Umgekehrt investieren etablierte Unternehmen Zehntausende Euro in Cloud-Setups für interne Tools mit wenigen Hundert Nutzer:innen.

Der Unterschied liegt nicht in der Technik, sondern im Verständnis.

Souverän handeln heißt: Wissen im Team aufbauen, Abhängigkeiten regelmäßig überprüfen und bewusst auswählen, was man outsourct.

Digitale Souveränität ist eine Kulturfrage.
Sie zeigt, wie wir mit Wissen, Verantwortung und Vertrauen umgehen. Souverän ist, wer weiß, was er delegiert – und an wen.

Fazit

Die Grundlage digitaler Souveränität ist nicht Rechenleistung, sondern Entscheidungsfähigkeit. Wie beim Sofa im Gemeinschaftsraum gilt auch im Digitalen: Wer selbst anpackt, versteht, was er besitzt.

Digitale Eigenständigkeit beginnt nicht bei Technologie, sondern bei einer Haltung. Bei der Bereitschaft, Verantwortung nicht vollständig auszulagern.

Wer seine Systeme regelmäßig hinterfragt, seine Anbieter bewusst auswählt und Wissen im Team hält, legt den Grundstein für echte Unabhängigkeit – technisch und kulturell.

Digitale Souveränität zeigt sich, wo Verantwortung nicht mehr weggeschoben wird. Wo Teams verstehen, was sie wirklich steuern – und worauf sie vertrauen.

Souveränität ist kein Zustand, sondern eine tägliche Entscheidung. So gewinnt man digitale Selbstverständlichkeit zurück: durch Wissen, Vertrauen und vor allem Mut. Und genau darin liegt ihre Stärke.